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Rekordspieler, Rekordtorschütze, Fan.

Der Geruch nach Fisch gehört zur Stadt wie das Citroën-Werk und der Schiffsverkehr. Doch jedes Mal, wenn María Juncal von ihrem Drittjob nach Hause kommt, haftet er an ihr wie ein unsichtbarer Begleiter. Nach mehreren Stunden Suche nach Meeresfrüchten im Atlantik würden die meisten erschöpft ins Bett fallen, doch María hat sich vor langer Zeit etwas versprochen. Sie guckt bei jedem Spiel ihrer Söhne zu, bei dem sie dabei sein kann. Einer dieser spielt sogar in der Canteira Celeste, der Jugendmannschaft des galizischen Vorzeigeklubs Celta Vigo. Iago Aspas, ein kleiner Stürmer mit beneidenswertem Torriecher. Wie auch zwei seiner drei Brüder liebt er den Ball, und anscheinend hat er aus der Fußballerfamilie das größte Talent mitgegeben bekommen.

Zu Beginn läuft es allerdings schleppend für den Jungen, erst mit 20 Jahren steht er 2009 das erste Mal für seinen Herzensverein im Kader. Sein erstes Heimspiel allerdings sollte gleich in die Geschichtsbücher des Klubs eingehen. Dem Abstieg in die 3. Liga ganz nahe, braucht Celta einen Sieg gegen Deportivo Alavés, um den Klassenerhalt einzutüten. Eine halbe Stunde vor Schluss steht es 0:0 und Aspas bekommt die Chance, sich zu beweisen. Zehn Minuten vor Schluss erzielt er das 1:0, nur um wenige Minuten später den Last-Minute 2:1 Siegtreffer folgen und ganz Vigo den Ligaverbleib feiern zu lassen. Celta wäre ohne dieses Tor wohl bankrott gegangen, 80 Millionen Euro Schulden drückten auf dem Verein. Dieses Spiel alleine könnte also schon seinen Heldenstatus erklären, aber was die Jahre darauf folgen sollte ist nicht weniger als eine noch nie dagewesene Karriere eines Gallegos.

Nach jeweils einjährigen Aufenthalten in Liverpool und Sevilla kehrte Aspas 2015 zurück an Spaniens Nordküste und wirkte nach zwei weniger erfolgreichen Jahren wie ausgewechselt. Wettbewerbsübergreifend kam er in den ersten vier Jahren auf 23, 34, 28 und 27 Torbeteiligungen, absolute Topwerte wenn man bedenkt, dass Celta nur einmal in der Europa League vertreten war und im Pokal regelmäßig früh ausschied. Mittlerweile hat nur Atlético Madrid Superstar Antoine Griezmann als aktueller LaLiga Spieler mehr Tore erzielt als Aspas, der inzwischen nicht nur Rekordspieler, sondern auch Rekordtorschütze seines Klubs ist. 199 Tore und sagenhafte 476 Spiele sind es inzwischen im himmelblauen Trikot für den Stürmer. Kein Wunder also, dass die 2006 ins Leben gerufene Zarra Trophäe für den besten spanischen Torschützen der Liga bereits fünfmal den Weg nach Galizien gefunden hat. Vier mal in LaLiga und einmal in der Segunda División durfte sich Aspas bester spanischer Torschütze des Landes nennen – Rekord natürlich. Zuletzt gewann er sie sogar drei Mal in Folge, im stattlichen Alter von 34 Jahren. Auch im internationalen Vergleich sind seine Statistiken beeindruckend. Im Januar 2023 kürte Opta ihn zusammen mit Sassuolos Armand Laurienté zum besten Chancenkreierer der Top-5 Ligen, mit 35 Jahren!

Aspas‘ typischer Jubel: Der Fingerzeig auf das Wappen des Vereins

Noch beeindruckender werden die eben genannten Fakten, wenn man die sportliche Situation Celta Vigos in den Kontext zu Aspas‘ Performance setzt. Oftmals ging es für den Klub nämlich um nichts anderes als den Klassenerhalt in der höchsten spanischen Spielklasse. Ganze vier Mal war es ausschließlich ihm zu verdanken, dass der Klub nicht den Schritt in die Segunda División antreten musste. Die Abhängigkeit gipfelte in der Saison 2018/19, als Aspas drei Monate ausfiel und machtlos dabei zusehen musste, wie Celta der 2. Liga immer näher kam. Nach sechs sieglosen und vier torlosen Spielen befand man sich vier Punkte hinter dem rettenden Ufer, ein Sieg gegen Tabellennachbarn Villareal war Pflicht. Seit seinem Ausfall wurden zehn der zwölf Spiele verloren, der Klub von Platz 9 auf 18 durchgereicht. Eigentlich bestand keine Hoffnung mehr, der Strohhalm, an dem sich Verein und Fans klammerten war ein noch angeschlagener Iago Aspas.

Und es begann, wie es beginnen musste. Nach 15 Minuten stand es bereits 0:2 aus Sicht der Galizier, bis zur Halbzeit gab es kein Aufbäumen Vigos. Doch dann nahm der Wahnsinn seinen Lauf. Aspas versenkte einen Freistoß kurz nach Wiederanpfiff und erweckte das Balaídos wieder zum Leben. In der 70. Minute folgte der Ausgleich und sechs Minuten vor Schluss entschied Schiedsrichter Gil Manzano nach Eingriff des VAR auf Elfmeter für Celta. Drei Minuten zwischen Check und Ausführung, drei Minuten des Innehalten, nur der Ball und er. Zwölf Wochen Leidenszeit, nicht weniger als den gesamten Verein auf den Schultern. All das hält einen Iago Aspas nicht davon ab, das wichtigste Spiel der jüngeren Vergangenheit dieses Teams, dieser Region, im Alleingang zu entscheiden. Eine Minute vor Abpfiff erfolgte dann ein weiterer Gänsehaut-Moment, seine Auswechslung wurde von Standing Ovations begleitet, die ihres gleichen sucht. Wenn etwas die Bedeutung, die der Klub für Galizien hat, bestmöglich widerspiegelt, dann diese Sekunden des Abgangs ihres Helden, in der die Zeit stillzustehen schien. Ein seltener Moment der puren Dankbarkeit und Demut im Milliardenkosmus Fußball, gebündelt im Applaus von 22.500 Fans.

Die Last, die Minuten zuvor am Elfmeterpunkt den Kampf gegen sein Verantwortungsbewusstsein verloren hatte, schien in jenem Moment umso stärker zurückzukommen und abzufallen, als Aspas sich auf die Bank setzte. Er ließ den Emotionen freien Lauf, gewährte seltene Einblicke in seine Gedankenwelt und sorgte für einen der emotionalsten Momente der LaLiga Geschichte. Auf diese intime Szene angesprochen verriet seine Mutter: „Ich sage ihm: ‚Iago, du kannst kein Fan sein, du bist ein Spieler‘. Aber er ist eher ein Fan als ein Spieler. Für ihn ist Celta alles“.

Ein gewohntes Bild: Aspas lässt das Stadion jubeln

All das hätte sich jene María Juncal nicht zu träumen gewagt, auf einem der vielen Nachhausewege vom Hafen ins kleine Moaña nördlich von Vigo. Den Job als Meeresfrüchtesammlerin hat sie übrigens nie aufgegeben, nur die Sorge um das Geld am Ende des Monats ist verschwunden, dafür hat ihr Sohn gesorgt. Dieser wohnt heute mit seiner Familie in unmittelbarer Nachbarschaft und kommt regelmäßig zum Frühstück vorbei. Genau wie seine Mutter scheint auch Aspas noch nicht berufsmüde zu sein, verlängerte seinen Vertrag bis 2025, dann wäre er knapp 38 Jahre alt und bereits älter als viele Spieler im Ruhestand. Aber irgendwie hat man das Gefühl, dass die Stadt, der Verein und auch er Angst vor diesem einen Moment haben – vor dem Moment, in dem Aspas und Celta Vigo nicht mehr Eins sind. Vor dem Moment, wo kein Retter mehr da ist, der Hoffnung gibt, wenn keine Hoffnung mehr da ist.

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