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Der Löwe ohne Länderspiel

Es sind angenehme 21 Grad an diesem Spätsommerabend im San Mamés, der legendären Spielstätte des Athlétic Club Bilbao, als Óscar de Marcos eine ganz besondere Trophäe in den Abendhimmel streckt. Zwei Wochen zuvor hat die Klublegende sein 500. Pflichtspiel für die „leones“ absolviert, beim 0:2 gegen Real Madrid wieder über die volle Spielzeit die rechte Abwehrseite beackert.

Auch in einem Verein, der wie kein zweiter für Lokalpatriotismus steht und wo lebenslange Vereinszugehörigkeit als Profi nicht als naives Festhalten an die alten Zeiten belächelt, sondern als erstrebenswert angesehen wird,
stößt de Marcos nun in einen elitären Kreis auf. Er ist der siebte Spieler, der diese Schallmauer durchbricht, eine einzigartige Ansammlung, wenn man bedenkt, dass der Klub nur unregelmäßig in Europa spielt.

Geboren im etwas südlich von Bilbao gelegenen Laguardia, schnürte de Marcos die Fußballschuhe für die zweite Mannschaft von Deportívo Alavés, ehe er für 360.000 Euro zu seinem späteren Herzensverein wechselte, nachdem Alavés den Abstieg in die dritte Liga nicht verhindern konnte. Kam er bis dahin vorzugsweise als Offensivspieler zum Einsatz, wurde er nach einer Systemumstellung vom damaligen und heutigen Trainer Ernesto Valverde zum Rechtsverteidiger umfunktioniert; ein Glücksgriff, wie sich herausstellten sollte.

Über die Jahre etablierte sich de Marcos auf genannter Position zu einer festen Größe und ist spätestens seit seiner Durchbruchssaison 2011/12 nicht mehr wegzudenken. Leider gehört er zu jenen Spielern, die Opfer der
„Furia Roja“-Übermannschaft wurden. Der Durchbruch von de Marcos fiel nämlich in jene Zeit, als Spanien nicht nur im Vereinswettbewerb, sondern auch auf Nationalmannschaftsebene den Fußball dominierte und regierte.

Weder Weltmeistertrainer Vicente del Bosque, noch seine Nachfolger Julen Lopetegui und Luis Enrique setzten auf ihn, sodass de Marcos heute in Spanien als einer der besten und konstantesten Spieler ohne ein einziges
Länderspiel gilt.

Ein Wechsel, um die Chancen auf eine Nominierung zu erhöhen, kam für den Basken allerdings nie in Frage. „Für kein Geld der Welt“ würde er Bilbao verlassen, ließ er verlauten. Die Chance, alle zwei Wochen im San
Mamés spielen zu dürfen, sei mehr wert als jeder Titel. Dort, wo Spieler den Atem der Fans zu spüren glauben, werden Geschichten geschrieben, und die neueste trägt seinen Namen. Óscar de Marcos Arana, der Junge aus Laguardia, der seinen zweiten Frühling erlebt. Ein Krieger, der die Bedürfnisse der Mannschaft vor seine eigenen stellt. Der sich 2020, dem Karriereende entgegengesetzt, aus einer schweren Verletzung zurück kämpfte und die rechte Außenbahn wieder für sich vereinnahmte. Auch heute, in seiner 15. Saison für die Löwen, liefert er noch
regelmäßig Topwerte.

De Marcos mit seinem langjährigen Mitspieler Iker Muniaín

Nur heute wird es nichts, er ist angeschlagen und steht in Zivil auf dem Rasen und lässt sich feiern, das ganze Stadion steht. Dabei versucht de Marcos eigentlich, das Scheinwerferlicht so gut es geht zu vermeiden. Als ihm sein Kumpel und Kapitän Iker Muniain (ebenfalls im 500er Klub), mit dem er fast zeitgleich debütierte, etwas ins
Ohr flüstert mag man fast vermuten, er vertröstet ihn auf das nächste Spiel. Dann darf er wieder starten, auf seiner geliebten rechten Seite. Wie schon oft zuvor, und wie auch in Zukunft.

PS: Das Spiel sollte dem Anlass gerecht werden. De Marcos’ Team dreht ein frühes 0:2 gegen Betis Sevilla auf
spektakuläre Art und Weise in ein 4:2 und beweist einmal mehr, was San Mamés im Stande ist zu leisten.

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