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Der gesettlede Wandervogel

Es läuft die 57. Spielminute an jenem 19. August 2018 im Estádio Santiago Bernabéu, als der vierte Offizielle endlich die Anzeigetafel hochhält. Der Moment ist nun ganz nah, so nah wie es Jaime Mata nie für möglich gehalten hätte. In ein paar Sekunden wird er seine ersten LaLiga-Schritte sammeln – im Wohnzimmer des wohl größten Fußballvereins der Welt. Er, der Junge aus Tres Cantos im Norden von Madrid, trägt das Trikot des Getafe CF und wird die beste LaLiga Saison seiner Karriere spielen und Getafe auf den 5. Platz führen, nur wissen tut er das noch nicht. 

Nichtsdestotrotz strotzt er vor Selbstbewusstsein, hat er doch in der vergangenen Spielzeit mit 35 Toren die Zweite Liga auseinander geschossen. Zählen tut das jetzt aber nicht mehr, die Gegenwart heißt Karim Benzema, Toni Kroos oder Sergio Ramos, und zwar als Gegenspieler auf dem Platz.

Die Reise des Jaime Mata begann 2008 nach diversen madrilenischen Jugendklubs in der vierten spanischen Liga bei Galáctico Pegaso, ehe er über Stationen bei der zweiten Mannschaft von Rayo Vallecano und Girona 2016 bei Real Valladolid in der 2. Liga anheuerte. Während die erste Saison mit 5 Toren und 3 Vorlagen noch schleppend verlief, war die bereits angesprochene Folgesaison sein großer Durchbruch und öffnete ihm die Tür zu Spaniens Oberhaus. 

Was wie eine erstrebenswerte, stetig erfolgreichere Karriere klingt, war lange Zeit jedoch ein existenzieller Gewissenskonflikt. Bei seiner ersten Station in Pegaso mussten Mata und seine Teamkollegen lange Zeit auf Gehaltszahlungen warten, bis sie sich nach mehreren Monaten ohne Lohn im Februar 2009 zu einer besonderen Art des Protestes gezwungen sahen. In der ersten Minute der Partie gegen die dritte Mannschaft von Real Madrid zogen sich die Spieler die Hose runter und zeigten ein T-Shirt mit der Aufschrift „Con el culo al aire“. Wörtlich übersetzt „Mit dem Hintern in der Luft“ bezieht sich das Sprichwort auf jemanden, der in einer schlechten Situation ist, weil etwas entdeckt wurde, das nicht bekannt werden sollte. 

Adressiert war die Botschaft unmissverständlich an die Klubverantwortlichen. Auch in der Kabine zogen die Spieler blank, nur bedeckt von einem Plakat mit der Kontonummer des Vereins – ein Aufruf, selbigen zu unterstützen und eine klare buchstäbliche Ansage, dass man ohne irgendetwas dasteht.

Auch mit 35 noch treffsicher. Jaime Mata nach seinem Treffer gegen Celta Vigo im Feburar 2024.

Was viele zum Schmunzeln brachte, hatte für die Spieler jedoch einen ernsten Hintergrund. Ohne das eh schon spärliche Gehalt in der vierten Liga war es auch für Jaime Mata ein schmaler Grad, weiter alles auf den Fußball zu setzen und keinem herkömmlichen Beruf nachzugehen. Er entschied sich jedoch bekanntermaßen dazu, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen und wurde letztendlich für sein Durchhaltevermögen belohnt. 

Gekrönt wurde seine Leistung im Jahr 2019, als Nationaltrainer Luis Enrique, zur Überraschung vieler, seinen Namen bei der Berufung des Kaders für die EM-Qualifikation nannte. Auch wenn es nur zu einem Kurzeinsatz gegen Norwegen kam (2:1), so war das Auflaufen für sein Land gewiss ein Erlebnis, mit dem der damals dreißigjährige Mata nicht nur wegen der bekannten Schwierigkeiten zu Beginn seiner Karriere niemals gerechnet hätte.

Die Überraschung ging sogar so weit, dass dem ehemaligen spanischen Superstar und gleichaltrigen Namensvetter Juan Mata diverse Glückwünsche erreichten und er aufklären musste, dass er nicht gemeint sei. Als Vergleich: Während Juan 2009 bereits in Valencia seinen Durchbruch schaffte und Nationalspieler wurde, kämpfte Jaime um den Klassenerhalt in der 4. Liga. Und als Juan mit Chelsea 2012 die Champions League gewann, schien Jaime in der fußballerischen Bedeutungslosigkeit zu versenken. 

Die „beste Entscheidung [s]einer Karriere, sowohl sportlich als auch persönlich“ war jedoch der Karriere-Wendepunkt, auf den Mata gehofft hatte und auf den er angewiesen war. Lleida Esportiu, ein katalanischer Drittligaklub, wollte ihn verpflichten und stellte Mata vor die Grundsatzfrage, seine Heimatstadt und sein gewohntes Umfeld erstmals zu verlassen sowie sein Studium abzubrechen, um alles auf den Fußball zu setzen. Nach zwei erfolgreichen Jahren in Lleida wurde sein Mut belohnt und er wechselte innerhalb Kataloniens nach Girona und unterschrieb mit 25 Jahren seinen ersten Profivertrag.

Mata bei seinem Einsatz gegen Norwegen (hier mit Marco Asensio)

Als sein Vertrag dort auslief, ging er zurück in die Nähe der Heimat und unterschrieb bei Real Valladolid, die er im zweiten Jahr mit der scorermäßig besten Saison seit 1987 im Alleingang in LaLiga führte (35 Tore & 7 Vorlagen). Trotz des Aufstieges ging er, wie bei jedem seiner Wechsel übrigens, ablösefrei nach Getafe, wo er auch mit Mitte Dreißig immer noch fester Bestandteil des Teams ist.

Aber auch vor ihm macht das Alter nicht Halt. Seinen unangefochtenen Stammplatz hat er mittlerweile verloren – zum Einsatz kommt er jedoch weiterhin in fast jedem Spiel. Es wirkt so, als ob der ehemalige Wandervogel in seiner Heimatstadt auch seine fußballerische Heimat gefunden zu haben scheint. 

Der erste Spieler der Vereinsgeschichte, der in zwei aufeinanderfolgenden Spielzeiten zweistellig getroffen hat und der dritte, der für die Nationalmannschaft auflief. Seine harte Laufarbeit, sein ständiges Pressing auf die gegnerischen Verteidiger und seine Fähigkeit, das Spiel miteinander zu verbinden und zu lesen, machten ihn lange Zeit zu einem Schlüsselspieler im taktischen Konzept von Getafe und waren neben seinen Toren mitverantwortlich dafür, dass sich der Klub 2019 für die Europa League qualifizierte. 

Es ist kein Zufall, dass die Prime von Jaime Mata genau in die erfolgreichsten Jahre der jüngeren Klubgeschichte fallen. Geht es normalerweise nur um den Klassenerhalt in der Liga, beendete Getafe in den ersten beiden Jahren mit Mata die Liga auf dem fünften und achten Platz. Der einzige einstellige Tabellenplatz seit 2007 war der sechste Rang in der Saison 2009/10.

Mata ist zu einem Vorbild für seine Mannschaftskameraden geworden, und seine Einstellung und sein Engagement für das Spiel haben ohne Zweifel einen positiven Einfluss auf die Mannschaft gehabt. Seine Professionalität und seine Identifikation für den Verein werden sowohl von den Fans als auch vom Trainerstab regelmäßig hervorgehoben. 

Darüber hinaus ist Mata ein Beispiel für Beharrlichkeit und Selbstverbesserung. Sein Aufstieg aus der Jugend zu einem herausragenden Stürmer in LaLiga ist eine Inspiration für alle Spieler, die davon träumen, es im Profifußball zu schaffen. „Matagigantes„, wie ihn die Fans aufgrund seiner Torausbeute gegen Top-Teams nennen, hat vieles geschafft, was nur wenigen Spielern kleinerer Klubs gelingt. 

Aber seine größte Errungenschaft ist weder die Berufung in das Team of the Season, noch die Auszeichnung zum Spieler des Monats oder die Zarra Trophäe, es ist die Verwirklichung dessen, was als kleiner Junge in Madrid so lange so unerreichbar schien – den Fußball zu leben und vom Fußball zu leben.

 

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