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Das vom Pech verfolgte Küstenkind

In Netley ist traditionell wenig los. Das 6000-Seelen Dorf an der Südküste Englands strahlt Ruhe und Gelassenheit aus, kaum jemanden zieht es hier in die weite Welt. Ab und zu verläuft sich ein Tourist hier hin, um das antike Kloster oder die Ausbildungsstätte von Sherlock Holmes‘ Assistenten Dr. Watson zu besuchen, sonst hält sich der Trubel sehr in Grenzen. Ein Kind des Dorfes hat den Absprung jedoch geschafft, der Sohn des örtlichen Malers, der auf den Namen Danny Ings hört.

Schon als kleiner Junge liebte er den Ball und spielte für den Dorfverein in Netley. Sein großer Traum, für den benachbarten FC Southampton zu spielen, scheiterte an seiner Körpergröße, sodass er sich für einen Wechsel ins ebenfalls naheliegende Bournemouth entschied, wo er am 6. Oktober 2009 im Alter von 17 Jahren sein Profidebüt feiern durfte. Dort hielt es ihn zwei Jahre, ehe er zusammen mit seinem Trainer und Förderer Eddi Howe zum FC Burnley in die zweite Liga ging.

Während das erste Jahr durch eine schwere Knöchelverletzung gezeichnet war und diese auch noch Spuren in der Folgesaison zeigte, gelang ihm 2013/14 dann der Durchbruch, als er in der Aufstiegssaison zum Spieler der Saison in der Liga gewählt wurde und in 40 Spielen starke 28 Torbeteiligungen sammelte. Trotz einer starken Premierensaison mit 15 Scorern im englischen Oberhaus konnte er den direkten Wiederabstieg jedoch nicht verhindern. Seine besonderen Leistungen wurden aber natürlich auch in anderen Vereinen geschätzt, sodass Ings im Sommer 2015 ablösefrei zum FC Liverpool wechselte.

Ings schoss Burnley fast im Alleingang in die Premier League

Was wie ein vielversprechender Transfer aussah, stellte sich jedoch als sportliches Missverständnis dar. Unter Neu-Coach Jürgen Klopp konnte Ings aufgrund schwerwiegender Verletzungen nie richtig Fuß fassen und pendelte zwischen der Profimannschaft und der U23 in der Reserveliga Premier League 2 hin und her. Ein Kreuzbandriss und eine weitere Knie-Operation bedeuteten eine Ausfallzeit von rund 500(!) Tagen, sodass es unmöglich war, sich in die Mannschaft spielen zu können. Dementsprechend kam Ings in den Saisons 2015/16 und 2016/17 auf insgesamt 340 Minuten Einsatzzeit. Trotz starken Rückhalts aus der Liverpool-Kabine war für beide Seiten war klar, dass eine Trennung die beste Lösung wäre – und als ob das Schicksal es so wollte, traf Ings nach den drei enttäuschenden Saisons in der Stadt der Beatles die wohl beste Entscheidung seiner Karriere: Er ging zurück nach Southampton.

Eine verkorkste Zeit: Durch schwerwiegende Verletzungen kam Ings unter Klopp kaum ins Rollen.

Zunächst auf Leihbasis, später wurde er für 25 Millionen Euro fest verpflichtet. Sowohl unter Mark Hughes, als auch seinem Nachfolger Ralph Hasenhüttl zählte Ings zu den Leistungsträgern und steuerte in insgesamt 91 Premier League Spielen starke 41 Tore und neun Vorlagen bei, was ihn in zwei der drei Saisons zum Topscorer des Teams machte. Er schien wieder ins Rollen zu kommen und blieb endlich längere Zeit verletzungsfrei, was ihm eine Grundfitness und Spielpraxis ermöglichte, die er über Jahre hinweg nicht aufbauen konnte. Selbst Nationaltrainer Gareth Southgate würdigte seine Leistungen und nominierte ihn im Herbst 2020 für die anstehenden Länderspiele, nachdem er 2015 schon mal für ein Spiel unter Roy Hodgson sein Land vertreten durfte.

Seine beste Zeit erlebte Ings wohl in seiner Heimat Southampton (hier nach einem Treffer gegen die Spurs)

Seine beeindruckende Entwicklung machte natürlich auch vor Ligakonkurrenten nicht Halt. Das sich durch den Verkauf von Topstar Jack Grealish im Kaufrausch befindende Aston Villa bot knapp 30 Millionen Euro und bekam dafür einen Danny Ings auf seinem Peak. Niemals in seiner Karriere war sein Marktwert höher als zu diesem Zeitpunkt im Sommer 2021 (22 Millionen Euro). Auf seine Debütsaison mit 13 Torbeteiligungen der Villans folgte im Winter 2022 allerdings die Entlassung Steven Gerrards. Unter Nachfolger Unai Emery kam er nur noch sehr sporadisch zum Einsatz, sodass er noch im Wintertransferfenster nach London zu West Ham United ging. Trainer David Moyes ließ ihn in beinahe jedem Spiel auflaufen, durch Neuzugänge wie Mohammed Kudus wurde der Platz vorne in der Offensive für Ings jedoch immer kleiner, sodass er in der abgelaufenen Saison zwar noch auf 20 Einsätze kam, aber nur knapp 400 Minuten auf dem Platz stand.

Auch wenn sich die jüngere Vergangenheit nicht allzu erfolgreich liest, so kann Danny Ings mit erhobenen Hauptes auf seine Karriere zurückblicken. Über 400 Pflichtspiele mit 124 Toren und 39 Vorlagen stehen zu Buche – Werte, von denen viele seiner Kollegen träumen. Man kann – oder muss sogar – sich die Frage stellen, was aus ihm geworden wäre, wenn er sich im ersten Training unter Jürgen Klopp nicht das Kreuzband gerissen hätte. Wenn er keine neun Monate mit einer Knieverletzung ausgefallen wäre. Hätten wir dann mehr von dem Southampton- oder Burnley-Danny Ings gesehen?

Eine Antwort wird es darauf nie geben, aber eine Sache ist sicher. Wenn er zurück nach Netley geht, wird er mit offenen Armen empfangen. Der Sohn des Dorfes, der es geschafft hat. Der sich einen Namen im Land gemacht hat und die Leute mit Stolz erfüllt hat – insbesondere den Malermeister.

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